Worum geht es in Forensik und Kriminalistik? 

Vom Auffinden der Leiche bis zur Verurteilung des Mörders – Teil 1  –

Die Forensischen Wissenschaften (Forensik) sind ein Teilgebiet der Kriminalistik und ein technisches Arbeitsgebiet mit dem Zweck, Spuren und Beweise eines Verbrechens zu sichern, auszuwerten und diese für Staatsanwaltschaft und Strafgericht zu begutachten.

Die Kriminalistik verfolgt darüber hinaus das Ziel der Kriminalitätsbekämpfung allgemein durch vorbeugende (präventive) Maßnahmen (z.B. Absicherung gefährlicher Orte oder Informationen über spezifisches Täterverhalten) sowie strafverfolgende Tätigkeiten (von der Leiche bis zum Täter oder der Täterin). 

Forensik und Kriminalistik – Grundwissen für Krimiautor*innen

Brauche ich als Krimiautor*in überhaupt forensisch-kriminalistisches Wissen? Der Bedarf hängt auch vom Genre ab. So erfordern Polizeiermittlungs-Krimis mehr kriminalistisch fundierte Kenntnis als Psychothriller oder Privatermittler*innen-Krimis. Gerade dieses Genre ist bei Leserinnen beliebt, denn sie können sich in die private Ermittler*in hineinversetzen und die Welt und das Verbrechen aus ihrer Perspektive sehen. So erzielen auch die Leserinnen detektivische Erfolgserlebnisse, wenn sie mit ihrer Privatdetektiv*in dem Täter oder der Täterin auf die Schliche kommen – vor der meist störenden und oft deppenhaft dargestellten Polizei. Also nichts wie los:

Die Leiche wird gefunden – falsches Verhalten am Tatort

Die Inhaberin des Pralinchen-Cafés ist eine (fiktive) private Ermittlerin. Als sie die Tür zu ihrem Caféhaus öffnete, bemerkte sie den metallischen Geruch von Blut. Fast stolperte sie über die Leiche, die quer auf dem Mosaikboden lag. Eigentlich müsste sie sofort die Polizei rufen. Aber sie hat eine kriminalistische Ader und das Gefühl, dass sie selbst herausfinden musste, wer der Mörder war. Um Beweise zu sammeln, machte sie mit ihrem Handy Fotos vom Tatort. Hierbei stieg sie mutig über die Leiche hinweg, um diese von allen Seiten aufzunehmen. Als nächstes wollte sie die Nachbarn befragen, ob sie den Toten gekannt und jemand Verdächtiges gesehen hätten. War das Opfer identifiziert, könnte sie nach Kontaktpersonen suchen. So würde sie Tatverdächtige und Mordmotive sammeln und in eine Liste eintragen. Hätte sie schließlich den Mörder oder die Mörderin eingekreist, würde sie die Liste der Polizei geben. Mit ihren Ermittlungen begab sich die Caféhaus-Inhaberin in große Gefahr. Denn durch ihre intensiven Recherchen fürchtete der Mörder oder die Mörderin sich vor Entdeckung und überlegte, wie er oder sie die unangenehme private Ermittlerin ausschalten könnte. Von dieser Gefahr ahnte die Caféhaus-Inhaberin aber nichts. 

Karikatur beiseite. Eine vertiefte Kenntnis kriminalistischen Vorgehens schadet auch in diesem Genre nicht, denn so kann die Autor*in ihre Privatermittler*in zur Freude der Leserschaft möglichst unorthodox vorgehen lassen.

Realistisch: Kaum hat sich die Inhaberin des Pralinchen-Cafés vom Schock erholt, will sie die Polizei rufen. 110 oder 112?, überlegt sie aufgeregt.  Richtig ist 110, aber ihre zitternden Finger tippen 112. Kein Problem, die Polizei wird trotzdem unterrichtet. 112 geht vor 110.  Die 112 leitet die Leichen-Meldung an das zentrale Einsatzzentrum der Polizei (Leitstelle) weiter, das die Einsätze koordiniert und rund um die Uhr besetzt ist. Die Mitarbeiter*innen dort brauchen starke Nerven. Unablässig klingeln die Notruftelefone, länger als wenige Sekunden darf die Wartezeit nicht sein. Tausende dringlicher und nicht dringlicher Anrufe gehen täglich ein. Mit etwas Glück erreicht die Caféhaus-Inhaberin erfahrenes und psychologisch geschultes Personal, das selbst stotternde oder sich überstützende Mitteilungen schrecklicher Vorkommnisse mit gezielten Fragen zuverlässig bewertet. Ergibt sich aus dem Anruf ein eilbedürftiger Einsatz wird er direkt an die Funkwagen weitergeleitet – Polizeideutsch: Sofortlage.

Wie die Polizei beim Verdacht auf ein Kapitalverbrechen vorgeht

Besteht der Verdacht eines Kapitalverbrechens hat das Leitzentrum noch weitere Aufgaben: Es beordert einen Notarzt oder eine Notärztin oder jemand aus dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst zum Tatort, um den Tod festzustellen und einen Leichenschauschein auszustellen. Das ist nicht die diejenige Person aus der Rechtsmedizin, die man manchmal im Film an Tatorten über der Leiche hocken sieht. Die Rechtsmedizin wird erst tätig, wenn alle Spuren am Tatort gesichert sind und die Leiche abtransportiert ist.

Dasselbe gilt auch für den Kriminalkommissar oder die Kommissarin, Hauptfiguren vieler Ermittlungskrimis. Auch sie müssen warten, bis Schutzpolizei, erster Zugriff (Kripo), Spurensicherung fertig sind (dazu im nächsten Teil).

Richtiges Verhalten am Tatort 

Was tut die ordentliche Café-Inhaberin nach ihrem aufgeregten Anruf? Sie hält sich vom Tatort fern. Diese Anordnung hat ihr bereits das Einsatzleitzentrum gegeben und, falls nicht schon wieder mehrere Anrufe in der Leitung sind, auch erklärt, warum:

Meine fiktive Tatortbeschauerin hat eine Katze. Außerdem hat sie sich bei Anfertigung des bei der Kundschaft beliebten Obstsalats in den Finger geschnitten. Zuvor hat sie Einkäufe erledigt und eine Freundin mit einem Hund getroffen. Daher finden sich, ohne dass sie das weiß, am Tatort:

Haare von Katze, 

Haare vom Hund, 

Haare von der Pralinchen-Café-Inhaberin selbst,

Haare von der Freundin, die sie mit einer Umarmung begrüßt hat, 

dazu zahllose Fasern aus dem Supermarkt und von dem Kunden vor ihr, den sie ungeduldig anrempelte, weil er ewig beim Bezahlen brauchte.  

Fingerabdrücke gibt’s auch überall im Café, und auf dem Mosaikboden finden sich unklare Spuren, weil die Caféhaus-Inhaberin prüfen wollte, ob man die Blutflecken des Opfers wegrubbeln kann, wobei sich ein Blutstropfen von ihrem Finger, in den sie sich geschnitten hat, mit dem Blut des Mordopfers vermischte (Mischspuren).

Die Pralinchen-Café-Besitzerin ist daher eine lebendige Beweisspuren-Produzentin.

In Teil 2 geht es um die ersten Maßnahmen am Tatort.

© Susanne Rüster

 

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