{"id":5135,"date":"2022-09-08T08:49:48","date_gmt":"2022-09-08T08:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/susanneruester.de\/?p=5135"},"modified":"2023-09-18T08:47:37","modified_gmt":"2023-09-18T08:47:37","slug":"vermisst-entfuhrt-gefangen-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/susanneruester.de\/?p=5135","title":{"rendered":"Vermisst! Entf\u00fchrt! Gefangen! Teil 3"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau ist in einem Keller. Gefangen. Was geschieht jetzt mit ihr?<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Auswahl und Observierung des Opfers, den \u00dcberfall und den Transport in ein Versteck ging es in den ersten beiden Teilen. Es folgt die Verhandlungsphase, mit der die Kidnapper eine bestimmte Forderung durchsetzen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Versteck<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Unterbringung des Opfers kommen sichere und unauff\u00e4llige Orte in Betracht, etwa eine abgelegene H\u00fctte, eine H\u00f6hle, ein Keller, eine Garage. Da das Opfer m\u00f6glichst keine Informationen \u00fcber die T\u00e4ter erhalten soll, wird es oft in Dunkelheit und z.T. gefesselt oder mit verbundenen Augen gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs geht los\u201c, sagt eine raue Stimme. <em>Was geht los?<\/em>, will sie schreien, aber es kommt nur ein Kr\u00e4chzen heraus. Ihr Entf\u00fchrer l\u00f6st die angeketteten H\u00e4nde. Immerhin nimmt er ihr die Augenbinde ab. Sie blinzelt. Ein gro\u00dfer massiger Typ mit schwarzer Strumpfmaske. \u201eBrot und Marmelade.\u201c Er stellt den Teller auf den Boden. \u201eDamit Sie nicht umkippen. Wir haben noch was mit Ihnen vor.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Versorgung mit Nahrung, Getr\u00e4nken, ggfs. Medikamenten ist oft gew\u00e4hrleistet, denn ein krankes, verletztes oder gar totes Opfer hindert die Durchsetzung des Ziels der Entf\u00fchrung. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, werden manchmal die Geisel und\/oder nahestehende Personen weiteren seelischen Torturen ausgesetzt, z.B. durch Scheinexekutionen, Ank\u00fcndigungen von Verst\u00fcmmelungen. Auch wenn das Opfer k\u00f6rperlich unversehrt bleibt, steht es unter riesigem psychischem Druck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas haben Sie vor mit mir?\u201c Aber der Mann geht wortlos weg. W\u00fcrde er ihr Essen hinstellen, wenn sie umgebracht werden sollte? Als besondere Gemeinheit, damit sie zwischendurch ein bisschen Hoffnung auf \u00dcberleben sch\u00f6pft?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Verhandlungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kurze Zeit nach der Entf\u00fchrung erfolgt die Kontaktaufnahme mit der Familie der Geisel oder ihr nahestehenden Personen, bei Pers\u00f6nlichkeiten der Politik\/Wirtschaft auch mit ihrem beruflich\/gesch\u00e4ftlichen Umfeld. Das Ziel ist klar: Die T\u00e4ter wollen m\u00f6glichst viel Geld oder sie wollen eine politische Forderung gewaltsam durchsetzen, die Angeh\u00f6rigen wollen eine unversehrte Geisel zur\u00fcck. Der Ablauf ist immer gleich:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Mitteilung der Entf\u00fchrung,<\/li>\n\n\n\n<li>die Forderung,<\/li>\n\n\n\n<li>Aufforderung, eine\/n Unterh\u00e4ndler\/in zu benennen,<\/li>\n\n\n\n<li>keine Polizei, keine Medien,<\/li>\n\n\n\n<li>Drohung mit Gefahr f\u00fcr Leib\/Leben der Geisel, falls die Forderung nicht erf\u00fcllt wird.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die Kommunikation zwischen Entf\u00fchrer und nahestehenden Personen erfolgt meist zu festgelegten Terminen \u00fcber eine bestimmte Telefonnummer. Aber auch Prepaid-Handys k\u00f6nnen geortet werden, und die technischen M\u00f6glichkeiten der Spracherkennung durch die Polizei sind weit fortgeschritten. Daher m\u00fcssen professionell agierende T\u00e4ter Auff\u00e4lligkeiten im Hinblick auf Alter, Dialekt, Muttersprache, stimmliche und sprecherische Eigenarten vermeiden, sonst werden sie leicht Opfer der Stimmenanalyse. Auch sollte die Entf\u00fchrer-Stimme noch nicht als Audiomaterial in einer Polizeidatei lagern. Zur n\u00e4heren Information \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der forensischen Sprechererkennung:<\/p>\n\n\n\n<p>https:\/\/www.bka.de\/DE\/UnsereAufgaben\/Ermittlungsunterstuetzung\/Kriminaltechnik\/Biometrie\/Sprechererkennung\/sprechererkennung_node.html<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise wird deshalb wieder vermehrt auf den altmodischen Briefkontakt per Post oder auf versteckt an einem verabredeten Ort hinterlegte Nachrichten zur\u00fcckgegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Forderung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geht es um L\u00f6segeld, wird vielfach ein Millionenbetrag verlangt. Eine politische Forderung richtet sich nach dem verfolgten terroristischen Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gefangene schluckt m\u00fchsam ein paar Bissen Marmelade-Brot herunter, sp\u00fclt mit Wasser nach. Nach drau\u00dfen kann sie nicht sehen. Kein Fenster, die T\u00fcr verschlossen. Sie hockt sich auf die Pritsche, legt die Stirn auf die angezogenen Knie und wird vom Schluchzen gesch\u00fcttelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Polizei und die Angeh\u00f6rigen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ging es bis jetzt um T\u00e4ter und Opfer, erweitert sich jetzt der Kreis der Akteure. Die Forderung wird regelm\u00e4\u00dfig gegen\u00fcber Kontaktpersonen des\/der Gekidnappten gestellt. Die Entf\u00fchrung eines nahestehenden Menschen bedeutet f\u00fcr alle Beteiligten eine extreme psychische Ausnahmesituation. Manche Menschen reagieren mit Panik, andere mit Lethargie. Die F\u00e4higkeit, rational zu denken, ist reduziert, manchmal v\u00f6llig aufgehoben, auch k\u00f6nnen bisher verdeckte Konflikte aufbrechen. Man f\u00fcrchtet um das Leben der Geisel, man f\u00fcrchtet, falsche Dinge zu tun. Manchmal wollen Angeh\u00f6rige aus Angst die Polizei nicht einschalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Experten warnen:<\/strong> Dem Opfer nahestehende Menschen haben kaum eine Chance, die Entf\u00fchrung allein und mit gutem Ausgang zu l\u00f6sen, sie sind mit einer Freilassungsverhandlung meist \u00fcberfordert. Oft gehen sie zu schnell auf die Forderung ein, und die Geisel wird trotzdem nicht freigelassen, vielmehr wird die Forderung erh\u00f6ht. Speziell geschulte Kr\u00e4fte der Polizei k\u00f6nnen auch besser umgehen mit Androhung der T\u00f6tung oder Verst\u00fcmmelung des Opfers. Polizeipsychologen wissen, dass die st\u00e4rkste Waffe der Entf\u00fchrer die Zeit und die Angst des Opfers und seiner Angeh\u00f6rigen ist. Selbst wenn die Nahestehenden &#8211; entsprechend dem Verlangen &#8211; die Polizei anweisen, sich herauszuhalten, n\u00fctzt dies nichts. Denn die Polizei hat nicht allein das Leben der Geisel zu sch\u00fctzen und sie zu befreien, sondern sie ist auch rechtlich verpflichtet, Beweise zu sichern und m\u00f6glichst die T\u00e4ter festzunehmen. Besonders belastend f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen ist es, dass sie \u00fcber die polizeiliche Taktik nichts erfahren, weil diese verdeckt stattfindet. Daher wird in der psychologischen Betreuung versucht, die Familie zu beruhigen und sie allgemein auf das weitere Geschehen, etwa auf T\u00e4ter-Kontakte und die \u00dcbergabe des L\u00f6segelds vorzubereiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturtipp:<\/strong> Friedrich Ani l\u00e4sst mehrere seiner Krimis im Vermissten-Kommissariat in M\u00fcnchen spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorrangig ist zu kl\u00e4ren, ob die Geisel (noch) lebt. Gleich zu Beginn der Verhandlungen muss der sog. Lebensbeweis erbracht werden, oft durch eine Foto- oder Videoaufnahme des Opfers mit einer tagesaktuellen Zeitung oder durch eine aktuelle Information, die nur die Geisel kennen kann. Dieser Lebensbeweis ist immer wieder zu erneuern, vor allem vor Einigung und Geld\u00fcbergabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr wird aufgesto\u00dfen. \u201eWaschen Sie Ihr Gesicht.\u201c Der massige Typ dr\u00fcckt ihr einen nassen Lappen in die Hand. Und eine Tageszeitung. \u201eL\u00e4cheln. Es geht Ihnen noch gut.\u201c Ehe sie versteht, was passiert, flammt ein Blitzlicht auf, dann ist der Entf\u00fchrer wieder verschwunden, die T\u00fcr verschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Angeh\u00f6rigen sind gleichwohl wertvolle Helfer f\u00fcr die Polizei. Sie m\u00fcssen ihr Einverst\u00e4ndnis zur Zahlung von L\u00f6segeld erkl\u00e4ren und \u00fcberlegen, ob und wie dieses beschafft werden kann. Sie m\u00fcssen ihr Einverst\u00e4ndnis zur \u00dcberwachung des Post- und Telefonverkehrs, zur Aufnahme von polizeilichen Schutz- und Betreuungspersonen im Haus, zur Einschaltung von BeraterInnen und PsychologInnen der Polizei erkl\u00e4ren, Hinweise zur psychischen und gesundheitlichen Situation der entf\u00fchrten Person sowie zu deren \u00fcblichen Lebensumst\u00e4nden geben, damit die Polizei ihre Taktik darauf einstellen kann. Vor allem aber m\u00fcssen sie die Lebensbeweise erkennen, d. h. die Konfrontation mit einem ev. gefesselten oder l\u00e4dierten Opfer aushalten.<\/p>\n\n\n\n<p>PolizeipsychologInnen werden die Angeh\u00f6rigen auch auf Pannen vorbereiten, etwa dass die Forderung nach einem neuen Lebenszeichen nicht beantwortet wird, dass die Medien ungefragt \u00fcber den Fall berichten, dass die Geld\u00fcbergabe fehlschl\u00e4gt, dass die Entf\u00fchrer sich nicht mehr melden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hilfreich ist es, wenn eine von den Angeh\u00f6rigen benannte neutrale und belastbare Person, die das Opfer gut kennt, ohne emotional gebunden zu sein, f\u00fcr sie handelt. Der\/die Unterh\u00e4ndler\/in sollte f\u00e4hig zum Krisenmanagement und in der Lage sein, ein Vertrauensverh\u00e4ltnis zur T\u00e4terseite herzustellen. Gibt es keine Person, die intellektuell und psychisch in der Lage ist, diese Anforderungen zu erf\u00fcllen, kommt auch der Einsatz eines Polizei-Doubles in Betracht, was eine neue Strategie erforderlich macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie bem\u00fcht sich, ruhig zu atmen, nachzudenken. W\u00fcrden ihre Entf\u00fchrer jetzt Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen und ihre Forderung stellen? Wieviel wollen sie? Wer sollte f\u00fcr sie zahlen? Einen reichen Mann hat sie nicht. Ihre Eltern haben ihr Auskommen, nicht mehr. M\u00fcssen sie jetzt ihr H\u00e4uschen verkaufen, um das L\u00f6segeld aufzubringen? Zahlt der Staat in solchen F\u00e4llen? Und wenn die Forderung nicht erf\u00fcllt w\u00fcrde? Ruhelos und voller Angst wirft sie sich auf der Pritsche hin und her und ein Gedanke beherrscht sie: Was passiert als n\u00e4chstes mit ihr? Warum sie, ausgerechnet sie?<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Teil geht es um die L\u00f6segeld\u00fcbergabe, die Freilassung des Opfers und die psychischen Folgen einer Entf\u00fchrung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frau ist in einem Keller. Gefangen. Was geschieht jetzt mit ihr? Um die Auswahl und Observierung des Opfers, den \u00dcberfall und den Transport in ein Versteck ging es in den ersten beiden Teilen. Es folgt die Verhandlungsphase, mit der die Kidnapper eine bestimmte Forderung durchsetzen wollen. 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